Journalismus

In welcher Welt möchten wir leben? Und welche möchten wir unseren Kindern gern hinterlassen? Der Soziologe Harald Welzer denkt nicht utopisch, sondern ganz praktisch: zum Beispiel an Länder ohne Grenzen, an ein Grundeinkommen für jeden und an Technologien, die den Menschen zu Autonomie verhelfen. Im Interview spricht er darüber, was es braucht, um solche Zukunftsbilder umzusetzen.

Herr Welzer, Sind Sie ein optimistischer Mensch?

Ich denke schon. Wir haben doch auch gar keinen Grund, nicht optimistisch zu sein. Unser Leben wäre vor 100 Jahren für die Menschen noch die reinste Utopie gewesen. Historisch gesehen haben wir heute die besten Voraussetzungen, alle Herausforderungen dieser Welt sowohl individuell als auch gesellschaftlich zu bewältigen. Also, wo ist das Problem?

In Ihrem neuen Buch „Alles könnte anders sein“ entwerfen Sie verschiedene Zukunftsbilder. Wie können wir lernen, unsere Fantasie einzuschalten und solche Bilder selbst zu entwickeln und umzusetzen? Und was fehlt momentan dafür?
Es fehlt erst einmal das kulturelle Klima dafür. Dass wir uns zum Beispiel fragen: Was ist eigentlich schon alles gut? Und wo können wir ansetzen, um unsere moderne Gesellschaft weiterzuentwickeln? Darüber spricht aber niemand. Viel lieber sprechen wir darüber, dass unsere Infrastrukturen marode sind, dass es in diesem Land zu viele Staus gibt oder dass wir angeblich ein Migrationsproblem haben. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist die Oma einer meiner Mitarbeiterinnen: Die Dame ist vor über 50 Jahren aus Rumänien gekommen und feiert heute jedes Jahr den Tag ihrer Ankunft in Deutschland. Sie findet ihr Leben hier großartig. Warum feiern eigentlich alle anderen nicht, dass sie hier leben? Hier finden viele einfach alles doof.

Woher kommt denn die ganze Schwarzseherei – gerade in einer Zeit großen Wohlstands?
Eben durch den Wohlstand. Das Versprechen der Moderne beinhaltete aber neben dem Wohlstand auch andere Dinge wie persönliche Freiheit oder eine eigenständige Lebensgestaltung. Heute ist von diesen Versprechen im Prinzip nur der Wohlstand geblieben, der mit hoher Kaufkraft und unendlichen Möglichkeiten des Konsumierens einhergeht. Und wenn sich das ganze Leben darauf konzentriert, macht das natürlich unzufrieden. Wenn ich ein Produkt besitze, kommt ja bald schon das nächste auf den Markt, und ich bin unglücklich, weil ich immer noch das alte habe.

Der Glaube an wirtschaftliches Wachstum ist immer noch groß. Wie erklären Sie sich das – in einer Welt, in der die Ressourcen immer knapper werden?
Ich kann es mir nicht erklären. Denn die entscheidende Frage ist doch: Was macht Menschen glücklich? Hier gab es in den letzten 200.000 Jahren Menschheitsgeschichte keine großen neuen Erkenntnisse: Menschen sind dann glücklich, wenn sie in funktionierenden Beziehungen leben. Wenn sie keine Gewalt erfahren müssen. Und wenn sie auch für andere Sorge tragen können, zum Beispiel für die eigenen Kinder. Wir aber fragen gar nicht erst: Was generiert das größte Glück? Sondern wir ziehen materielle Werte heran, also etwas, das sich quantitativ schön messen lässt. Wir reden etwa von drei Prozent Wirtschaftswachstum, die reiche Gesellschaften jährlich schaffen sollen. Wer zur Hölle hat denn etwas davon? Was ist die Folge? Drei Prozent Wirtschaftswachstum bedeuten vielleicht auch drei Prozent mehr Stau, drei Prozent mehr Stress, drei Prozent mehr Scheidungen, drei Prozent mehr Unglück. Für mich ist das Wirtschaftswachstum daher gar keine entscheidende Kategorie. Anders natürlich in armen Gesellschaften: Hier brauchen die Menschen in bestimmten Bereichen Wachstum, damit sie überhaupt auf ein zufriedenstellendes materielles Niveau kommen. Aber in superreichen Gesellschaften wie unserer sicher nicht.

Wie steht es mit Vorbildern in unserer Gesellschaft? Gibt es die noch? Und wie erklären Sie es sich, dass bisweilen Unternehmer aus dem Silicon Valley zur Orientierung herangezogen werden?
Vorbilder sind wichtig – für jede Gesellschaft. Bei uns ist ihre Rolle aber stark unterbewertet. Eher reden wir über Menschen, die etwas falsch machen. Wenn man aber pausenlos über Trump redet, führt uns das sicher auch nicht weiter. Was wäre aber heute ein vorbildhafter Unternehmer? Da würden wir Werte wie Verantwortung, ökologisches Bewusstsein oder Beziehungen zugrunde legen. Diese Begriffe stehen jedoch bei den Bossen aus dem Silicon Valley sicher nicht an erster Stelle. Dass viele hierzulande diese Menschen trotzdem gerne heranziehen, hat einen simplen Grund: Uns selbst ist jede Vorstellung von Zukunft verlorengegangen! Ich frage mich ernsthaft: Wieso machen wir uns Gedanken über die Besiedlung des Weltraums, wenn es doch viel naheliegender wäre, die Erde bewohnbar zu halten?

„Technologie an sich ist dumm. Sie wird nur klug oder bleibt dumm, je nachdem, welche Kultur sie wozu einsetzt“, heißt es in Ihrem Buch. Worin sehen Sie hier gerade die Verantwortung von Ingenieuren?
Ich bin sicher, dass jeder Ingenieur und jede Ingenieurin das Berufsethos hat, seine oder ihre Arbeit möglichst gut zu machen. Betrügerische Technologien etwa für die Autoindustrie zu entwickeln oder Produkte mit eingebauter Verfallszeit – solche Vorgaben müssten daher eigentlich jedem zuwider sein. Überhaupt müssen sich alle Berufstätigen doch einmal klar machen, dass sie unter sehr komfortablen Bedingungen in dieser Gesellschaft arbeiten dürfen. Ich finde, das legt jedem von uns auch eine gewisse Rücksichtnahme und Verantwortung für diese Gesellschaft mit auf.

Es mag Menschen geben, die befürchten „abgehängt“ zu werden und nicht mitreden zu können, wenn sie nicht jeden technologischen Trend mitmachen. Wie sehen Sie das?
Ich habe selbst kein Smartphone – und finde das ganz toll, weil ich so viel mehr Zeit habe als alle anderen. Aber klar ist auch: Bestimmte Technologien verbreiten sich und werden unseren Alltag immer stärker bestimmen. Gegen manche Entwicklungen können Sie sich irgendwann nicht mehr wehren, weil Sie dann gar nicht wüssten, wie sie auf anderem Wege eine Fahrkarte kaufen oder eine Überweisung tätigen sollten. Aber bis es soweit ist, werde ich wie Don Quichotte gegen diese Windmühle kämpfen.

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