Journalismus

12. Oktober 2022, Berlin. Pierre M. Krause ist frisch und erholt aus dem Urlaub zurück. Unser Gespräch findet in einer Gaststätte in Prenzlauer Berg statt. Zwischen Griesnockerl-Süppchen und Gerstensaft fachsimpelt der Humorist und Fernsehmoderator mit dem Gastronomen, der wie er aus Karlsruhe stammt, über die Vorzüge badischer Biersorten. Am nächsten Tag ist Drehtag, das Filmteam trifft sich hier gleich zur Besprechung. Vorher hat Krause noch viel Zeit und präsentiert sich als aufmerksamer und wortgewandter Gesprächspartner. Sofort landen wir bei gewichtigen Themen: der Gesprächskultur im Lande und Krauses Definition von Erfolg.

Pierre M. Krause, für verschiedene Fernsehformate treffen Sie eine Vielzahl an Persönlichkeiten. Was zeichnet ein gutes Gespräch für Sie aus?
Damit ein Gespräch gelingen kann, sind motivierte Neugier, Offenheit sowie die Fähigkeit, gut zuhören zu können, wichtig. Ich führe ja Gespräche, keine Interviews. Aber genauso wie bei einem Interview muss ich mich zudem vorbereiten. Roger Willemsen hat mir einmal sinngemäß gesagt: Es ist wichtig, immer gut vorbereitet zu sein, damit du nicht ins Stolpern gerätst. Wenn du aber im Gespräch feststellst, dass es in eine ganz andere Richtung geht, dann wirf die Vorbereitung weg und konzentriere dich darauf, was dein Gesprächspartner sagt. So mache ich es auch.

Und wie sieht es bei Gesprächen im Privaten aus?
Da gilt im Prinzip das Gleiche. Außer dass man nicht vorbereitet sein muss. Die Grundlage ist auch hier das Zuhören. Es gibt aber Leute, sowohl im echten Leben als auch im Showgeschäft, die gar nicht daran interessiert sind, ein Gespräch zu führen, sondern eher daran, einen Monolog zu halten. Die also Dinge sagen, die sie sagen wollen, auch wenn diese völlig von der Frage abweichen. Das sind häufig Leute, die mir gar keine Chance geben nachzuhaken, weil sie sich selbst sehr gerne reden hören.

Wie gehen Sie mit solchen Menschen um?
Ich lasse sie reden. Allein der Höflichkeit wegen. Irgendwann hat jeder seinen Text aufgesagt und muss dann frei sprechen. Ab da wird es meistens echt. Nach allzu langer Schleife im um sich selbst kreisenden Monolog langweilt mich exponierte Eitelkeit aber zu sehr, um ehrliches Interesse aufrechtzuerhalten. Dann greift die reine Professionalität, das Handwerk. Nicht jedes Gespräch wird eben ein gutes. Unseres heute aber schon – das merke ich sofort.

Wie würden Sie sich selbst in einem Gespräch beschreiben?
Ich glaube, ich bin jemand, der gerne Fragen stellt, der aber genauso gerne reagiert. Wenn ich ein Interview gebe, hängt mein Verhalten oft von der Frage ab. Eine Frage wie „Wofür steht das M in deinem Namen?“ langweilt mich zum Beispiel. Aber ich beantworte sie trotzdem.

Welche Fragen würden Sie dagegen nicht beantworten?
Ich sehe mich in der rhetorischen Position, auch Fragen zu beantworten, die ich gar nicht beantworte. Eine Fähigkeit, die eine politische Karriere unweigerlich befördern könnte. Grundsätzlich darf man jede Frage stellen – vorausgesetzt, das Gegenüber besitzt das Grundbesteck an empathischen Fähigkeiten. Was, ob und wie ich antworte, bestimme ja immer ich selbst.

In Sendungen wie „Krause kommt“ und „Kurzstrecke“, für die Sie jeweils prominente Menschen treffen, zeigen Sie sich als empathischer Gesprächspartner. Wie erleben Sie es, wenn Ihr Gegenüber dicht macht? Oder wenn Sie merken, dass die Wellenlänge nicht stimmt?
Bei „Kurzstrecke“ habe ich das Glück, dass ich mich meistens mit Leuten unterhalte, denen ich gewogen bin oder die mir gewogen sind. Was bedeutet, dass sie die besagte Offenheit mitbringen. Bei „Krause kommt“ ist es anders, da kann es manchmal ein bisschen edgy werden. Aber ich löse mit meinen Sendungen ja keine globalen Konflikte, sondern mache in erster Linie Unterhaltung. Und auch eine gewisse Reibung kann manchmal ein Ausgangspunkt für gute Unterhaltung sein. Daher würde ich es mir erlauben, ein Gespräch an die Wand fahren zu lassen, wenn sich das Gegenüber verweigert. Wobei ich mich dann schon fragen würde: Warum trifft der- oder diejenige sich überhaupt mit mir?

Dicht machen viele Leute ja bevorzugt dann, wenn es ihnen zu privat wird…
Ich finde, es muss gar nicht unbedingt privat werden. Aber persönlich, das sollte es schon werden. Das heißt ja nicht, dass man sich erzählt, wie viel Geld man auf dem Konto hat. Persönlich kann auch heißen: Wir sitzen im Restaurant und der andere sagt: „Ich esse keine Milchprodukte.“ Das ist auch etwas Persönliches, aber trotzdem noch nicht zu privat, geschweige denn skandalös. Wenn diese persönliche Ebene gar nicht stattfindet, können die Dreharbeiten echt anstrengend sein. Ich begebe mich in solchen Fällen dann gern in die Beobachterrolle und sammle Material für mich selbst.

Wie würden Sie die heutige Gesprächskultur in Deutschland beurteilen? Reden wir zu viel oder zu wenig miteinander?
Zu wenig! Ich bin der Überzeugung, dass wir zu wenig mit- und stattdessen zu viel übereinander reden. Das ist ein großes gesellschaftliches Problem. Selbstverständlich gibt es heute verhärtete Fronten, sodass man kaum noch auf einen gemeinsamen Nenner kommt und das Miteinander-Reden daher schwierig wird. Aber es lässt sich doch immer irgendwie ein Kompromiss oder eine Gemeinsamkeit finden, egal, wie weit man voneinander entfernt zu sein glaubt. Wenn man es jedoch gar nicht erst versucht, sondern die Kommunikation den Schlagzeilen und Tweets überlässt, dann entsteht kein gesundes Miteinander.

Mit „Gute Unterhaltung“ haben Sie seit Anfang 2022 eine neue Sendung, in der Sie mit Ihren Gästen über ein gesellschaftliches Thema diskutieren. Inwiefern fußt das Konzept auf diesem Wunsch nach reflektiertem und direktem Austausch?
Bei „Gute Unterhaltung“ konzentrieren wir uns auf die Inhalte. Hier geht es um die Gäste und das Thema – und ich sitze dazwischen, sehe zu, dass es allen gut geht, und mache an der richtigen Stelle einen schlechten oder weniger schlechten Witz. Dieses Konzept ist für mich noch immer neu, weil meine Late-Night-Show früher etwas alberner und Pointen-getriebener war. Heute sitze ich manchmal in der Vorbereitung und denke: Oh nein, das wird viel zu ernst, was wir da machen! Und es gibt ja schon genug ernste Sendungen, in denen geredet wird. Andererseits wünsche ich mir, dass die Themen in meinen Sendungen ein bisschen relevanter werden und dass auch dadurch ein reflektiertes Gespräch entsteht. Das darf natürlich lustig sein – es soll sogar. Aber es ist eben nicht mehr wie in den „alten Zeiten“, dass ich als Moderator meinem Gegenüber eine Steilvorlage liefere, etwas Unterhaltsames fürs Publikum zu sagen, und dass daraus dann eine Art lustiges Pingpong entsteht. Das ist toll, das ist eine Kunstform. Aber dieses neue Konzept setzt einen anderen Schwerpunkt und ist deshalb für mich reizvoll. Und es entspricht wohl mehr der heutigen Zeit mit all ihren Krisen. Ich glaube, man kann heute nicht mehr einfach nur „einen auf lustig“ machen. Das wird unserer Zeit nicht gerecht. Trotzdem steht der Humor immer noch vorne in der Reihe. Er ist das Ventil, das den Druck rausnimmt, damit es zu keiner Explosion kommt.

Sie sind durch und durch Humorist. Halten Sie sich bewusst zurück, um diesem ernsteren Sendungsformat zu entsprechen?
Ich glaube, ich habe mich da schon fast ausgetobt. Der Drang danach, albern zu sein, ist nicht mehr so stark ausgeprägt. Inzwischen lasse ich manche Jokes auch bewusst liegen – ein schönes neues Privileg, das ich mir wahrscheinlich mit der Zeit erarbeitet habe. Dieser Gag-Reflex ist zwar noch vorhanden, aber ich bin ihm nicht mehr unterworfen. Hinzu kommt: Ich bin exzessiv höflich und würde, wenn ein Gespräch im Fluss ist, niemals wegen eines Gags reingrätschen.

Ihre Late-Night-Show lief 16 Jahre lang im SWR Fernsehen. Im Juni 2021 hat der Sender das Format überraschend eingestellt. Das wirkte damals ein bisschen wie Schlussmachen, obwohl doch alles gut ist…
Man macht nie Schluss, wenn alles gut ist. Der Sender argumentierte mit der Quote. Und die war zur Sendezeit – sonntagabends um kurz vor Mitternacht – schlecht. Ich glaube aber, mit einer anderen Platzierung hätte man das retten können. Hinzu kam, dass die Umstände für mich immer schwieriger wurden und es an der Ausstattung fehlte. Ich hatte ein kleines Team und nur sehr begrenzte Mittel zur Verfügung. Ganz zu Anfang lag darin noch eine große Freiheit, ich bin im Herzen Filmemacher und konnte mich mit der Show lange selbst verwirklichen. Das Vor-der-Kamera-Stehen war nur ein winziger Teil meines Berufs, die meiste Zeit habe ich geschrieben und gedreht, oder ich saß im Schnitt. Das habe ich geliebt! Mein Alltag bestand darin, mit meinem kleinen Team zusammenzuarbeiten und die Leute im Sender davon zu überzeugen, dass es gut ist, mir für einen bestimmten Sketch auf kleinem Dienstweg dieses oder jenes Equipment auszuleihen. Das war schon ein besonderes Arbeiten, und als das plötzlich vorbei war, tat das sehr weh. Noch dazu befanden wir uns in der Hochphase der Corona-Pandemie. Wir hatten kein Publikum, es gab keine Abschlussfeier. Nach der letzten Sendung saß ich mit unserer Show-Band zusammen, und wir hatten nicht mal ein Bier in der Hand – so traurig war das.
Sie sind dem SWR dennoch treu geblieben. Es lief damals nicht alles optimal, aber jetzt sitzen wir mit der neuen Sendung wieder einigermaßen im Sattel. Das Wichtigste, um keinen Groll zu empfinden, ist: Man muss verzeihen können.

Warum laufen Ihre Sendungen nicht im Hauptprogramm der ARD?
Ich habe von einer verantwortlichen Person mal den Satz gehört: „Du bist für die ARD nicht mehrheitsfähig.“ Das könnte heißen: Da kann mich irgendjemand nicht leiden. Aber letztlich weiß ich es nicht. Ich war nach 20 Jahren Fernsehen auch noch nie in einer dieser ARD-Quizshows am Samstagabend zu Gast. Als Jörg Pilawa dann zu Sat.1 wechselte, war ich bei ihm direkt Gast in seiner ersten Ausgabe. Die ARD und ich? Ich habe aufgehört zu versuchen, es zu verstehen.

Ärgert es Sie denn?
Eigentlich nicht, nein. Darüber denke ich schon gar nicht mehr nach. Ich will mich vom Fernsehen nicht mehr so abhängig machen. Mir geht es gerade sehr gut. Ich finde es super, ein Format wie die „Kurzstrecke“ zu haben, das auch in der ARD-Mediathek und auf YouTube läuft. Hier bekomme ich direktes Feedback und merke, ob das Publikum zum Beispiel einen Gag kapiert oder die zweite Ebene verstanden hat. Und ich bekomme genauso unmittelbar mit, was eben nicht funktioniert. Dabei stelle ich immer wieder fest, wie sehr man im Deutschen Fernsehen die eigenen Zuschauerinnen und Zuschauer unterschätzt. Die Zuschauenden verstehen nämlich weitaus mehr, als viele Verantwortliche in den Sendern glauben.

Ist das lineare Fernsehen aus Ihrer Sicht zukunftsfähig?
Grundsätzlich ja. Der unübersehbare TV-Retro-Trend lässt zwar eher den Eindruck zu, dass man sich schon insgeheim auf die letzte Reise vorbereitet, das Pferd noch einmal richtig kaputt reitet, um dann noch rechtzeitig abzuspringen, bevor der Gaul am Horizont in der untergehenden Sonne von Thomas Gottschalk und Günter Jauch persönlich beerdigt wird. Ich sehe da ein RTL-Live-Event auf uns zukommen. Ich denke aber trotzdem: Lineares Fernsehen wird es weiterhin geben. Ob es dieselbe Bedeutung wie zu seinen Hochzeiten hat, steht auf einem anderen Blatt… ich meine PDF.

Was sind die großen Stärken?
Einige Fernsehsender beantworten diese Frage ja schon. Eventshows, Sport, aktuelle Nachrichtensendungen, Live-Events und so weiter. Ich glaube aber auch an das Überraschende und Kreative, welches das Fernsehen durchaus auch zu bieten hat. Sicherlich nicht mehr in demselben Maße, aber es gibt sie noch – die Inseln, auf
denen Marktanalyse-Hohlblocks noch keinen Machtanspruch haben. Die Stärke des linearen Fernsehens liegt für mich auch darin, dass ich mich passiv dazu verhalten kann und trotzdem ein Angebot bekomme. Ich liebe es, durch die Kanäle zu zappen, weil es mich wirklich überraschen kann. Nicht immer auf die gute Art, schon klar. Aber oft bleibe ich irgendwo hängen und plötzlich habe ich eine Dokumentation über südungarische Kunsttischlerei auf ARTE angeschaut. Bei Netflix hätte ich niemals aktiv nach einer Dokumentation über Tischlerei gesucht. Im Gegenteil: Dort hätte ich versucht, mir aktiv ein Angebot für den Abend zu erstellen, einen Film vielleicht oder eine Serie anzufangen oder doch eine Doku? Das Angebot überfordert einen nicht selten und ehe man sich versieht… beziehungsweise: Ehe man sich was ansieht, ist eine Stunde vergangen, die man mit der Auswahl verbracht hat. Am Ende schaut man eine Folge »The Office« – eine, die man schon kennt – und geht dann ins Bett. Dann doch lieber zappen und was über Kunsttischlerei erfahren. Zappen ist übrigens eine Kunstform. Ich kann das richtig gut. Wer das nicht so gut kann, läuft natürlich Gefahr, beim »Sommerhaus der Stars« zu landen. Da wäre ein Abend in der Menüauswahl vom Streamingdienst sicher die besser investierte Zeit gewesen.

Was sollten die Verantwortlichen bei den Sendern mehr in den Blick nehmen?
Gutes Fernsehen zu machen. Den Machern zu vertrauen und die Zuschauenden nicht zu unterschätzen. Nicht nach Formalismen und zweifelhaften Marktanalysen zu entscheiden, sondern nach Inhalten. Ich würde zudem dazu raten, diese dämliche und längst obsolete Quote einmal beiseitezulegen und mit klarem Kopf noch einmal von vorne mit dem Denken anzufangen. Während wir hier sitzen, wird gerade irgendwo in Fernsehdeutschland irgendeine arme Sendung mithilfe der Quotenkurve brutal nach Sekundenverlauf seziert und mit dem spitzen Bleistift mutwillig malträtiert. Schlimm. Und: Nehmt Euch nicht so wichtig! Es ist nur Fernsehen. Echt jetzt.

Sie sagten eben, es gehe Ihnen gerade sehr gut …
Ja, das tut es! Und dieses Empfinden ist stärker als noch vor ein paar Jahren.

Woran machen Sie das fest?
Ich komme gerade aus Portugal zurück, und im Urlaub kann man sich ja entweder einfach nur ausruhen oder man kann wirklich ruhen – also auch im Geiste, in der Seele. Und das ist mir dieses Mal gut gelungen. Ich hatte auch schon Urlaube, in denen die Maschine immer lief, aber diesmal konnte ich den Kopf weitestgehend ausschalten.

Was bedeutet Erfolg für Sie? Worin besteht er?
Es mag kitschig klingen, aber wenn ich ehrliches positives Feedback von Zuschauenden bekomme, sehe ich das schon als Erfolg. Dafür macht man das doch. Es gibt unter vielen Kolleginnen und Kollegen ein exzessives Streben nach Erfolg. Das wundert mich manchmal. Wobei, nein, es ist vielmehr deren Definition von Erfolg, die mich wundert. Ein Beispiel: Wenn eine Fernsehsendung eine sehr gute Quote hat, kann ich mich darauf verlassen, dass irgendein Verantwortlicher am nächsten Tag anruft und ein Lob ausspricht. Wenn es hingegen eine Sendung war, von der ich denke, sie war sehr gut, die aber keine gute Quote hatte – dann meldet sich niemand. Das heißt, aus Sicht der Verantwortlichen, aber auch vieler Fernsehmacher besteht Erfolg in einer guten Quote – und nicht in einer guten Sendung. Für mich ist es umgekehrt. Ich würde sagen, Erfolg ist, wenn man das macht, was man selbst gut findet. Und selbstverständlich macht man – ich sage „man“ und meine „ich“ – auch mal Dinge, bei denen man sagt: Okay, das ist jetzt nichts, womit ich im Feuilleton lande, aber da lache ich dann auf dem Weg zur Bank drüber. Und das wiederum rechtfertigt viele andere Dinge, bei denen das Honorar nicht so hoch ist, hinter denen ich aber voll und ganz stehen kann.

Wohinter stehen Sie denn beispielsweise nicht? Welche Anfrage würden Sie niemals annehmen?
Die Frage ist eher: Was würde ich überhaupt annehmen? Es gibt ehrlich gesagt wenig im Fernsehen, was mich noch interessiert. Oder sagen wir es mal diplomatischer: Ich fühle mich nicht überall wohl. Ich mag zum Beispiel Sendungen nicht, die mit dem Leid oder der Beschränktheit von Leuten spielen. Und ich mag auch kein Fernsehen, das auf Kosten von Menschen in irgendeiner Form Programm macht. Was ich ebenso meide, sind Preisverleihungen. Die Showbranche ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Es gibt recht viele in diesem Gewerbe, die sich selbst sehr gut finden und das auch in einen entsprechenden Habitus umwandeln. Auf solchen Preisverleihungen trifft man die dann zuhauf, das finde ich anstrengend. Deshalb gehe ich nur dorthin, wenn ich nominiert wurde – wobei das schon lange nicht mehr passiert ist. (lacht) Es ist natürlich ein Teufelskreis: Wenn man sich nicht blicken lässt, verschwindet man irgendwann vom Radar. Aber das ist mir mein Seelenfrieden wert.

Bei Ihren Gesprächsformaten scheint manchmal leise durch, dass Sie eher ein Mensch sind, dem Menschen auch mal zu viel werden können – und der sich dann gerne mal zurückzieht. Stimmt das?
Interessant, dass der Eindruck entsteht, denn explizit gesagt habe ich das sicher noch nie. Aber, ja, da ist was dran.

Ist diese Tendenz zum Rückzug eine Folge Ihres Berufs?
Die Frage stelle ich mir auch manchmal. Vielleicht haben Sie damit recht, dass es eine Folge des Berufs sein könnte – auch, weil ich sehe, dass es vielen in meinem Kollegenkreis ähnlich geht. Was mich betrifft, würde ich aber eher sagen: Ich bin so. Ich mochte Menschenmengen noch nie. Wenn ich ein paar Meter weit weg bin und etwas machen darf, was ihnen Freude bereitet, dann mag ich sie. Ich liebe es, auf einer Bühne zu stehen und diesen Haufen geballte Energie zu erleben. Vor allem, wenn ich lange an etwas gearbeitet habe, es dann präsentiere und merke, dass es ankommt. Hier lässt sich Herbert Feuerstein passend zitieren: „Hass auf die Menschheit, Liebe zum Publikum.“ Privat dagegen – auch wenn es vielleicht unlogisch klingt – stehe ich nicht gern im Mittelpunkt. An einem Tisch mit zehn Leuten bin ich ganz sicher nicht derjenige, der die ganze Zeit redet.

Wann ging es Ihnen zuletzt so, dass Sie sich dringend zurückziehen wollten?
Schon lange nicht mehr so, dass die Notwendigkeit alarmierend hoch war. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen, nicht wahr? Ich bin im Prozess „Neinsagen-Lernen“ weiter fortgeschritten als es noch vor ein paar Jahren der Fall war. Dadurch komme ich immer weniger in solche Situationen.

Wenn über Sie geschrieben wird, dann heißt es häufig, dass Sie sehr authentisch wirken, gerade in Gesprächen mit Ihren Gästen. Was halten Sie von dieser Rückmeldung?
Ich weiß gar nicht, was das so genau ist: Authentisch-Sein. Als es damit anfing, dass Leute das über mich gesagt haben, habe ich mich darüber fast ein bisschen geärgert: „Da habe ich mir jahrelang den Allerwertesten aufgerissen, um Filme zu machen, mir Gags und Dramaturgien auszudenken, damit ich jede Woche eine Sendung auf die Beine stellen kann. Das findet aber nirgendwo Erwähnung, denn Authentisch-Sein reicht!?“ Einfach nur zu sein, wie ich bin – das war mir immer zu wenig. Es gibt viele in der Fernsehwelt, die sind einfach nur sie selbst, und da denke ich: Das ist eher langweilig. Inzwischen habe ich mich aber damit abgefunden. Also konzentriere ich mich halt darauf, authentisch zu sein. Ich bin ja auch Dienstleister. Und es wäre mir womöglich auch viel zu anstrengend, vorzugeben, ein anderer zu sein. Gut vorbereitet bin ich trotzdem, aber das Ziel ist immer, die jeweilige Situation entscheiden zu lassen. Insbesondere bei der Kurzstrecke – da wackelt mal hier eine Kamera, mal ist dort ein Satz nicht astrein gesprochen oder jemand muss sich die Haare zurechtstrubbeln. Aber das ist dann genau das, was die Leute wohl als authentisch betrachten, weil es das eben für diesen Moment auch ist. Also lassen wir es drin. Das gefällt dann übrigens nicht nur den Zuschauern, sondern macht im Schnitt auch weniger Arbeit.

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